Was tun bei degenerativer Skoliose?

Neue operative Behandlungsmöglichkeiten bei der Verkrümmung der Wirbelsäule im Erwachsenenalter

von Professor Dr. Bronek Maximilian Boszczyk

Tückisch ist sie, die Verkrümmung der Wirbelsäule, ganz schleichend nimmt sie meist ihren Lauf. Denn weil sie am Anfang oft kaum Schmerzen verursacht, ist das Stadium, in dem typischerweise ein Arzt aufgesucht wird,leider häufig schon sehr weit fortgeschritten. Besonders oft beobachtet man das Krankheitsbild der sogenannten degenerativen Skoliose bei Frauen ab 60. Warum das so ist, wird vor allem mit den Unterschieden im Körperbau zwischen Mann und Frau in Verbindung gebracht, eine große Rolle spielt sicherlich die unterschiedlich stark ausgeprägte Rumpfmuskulatur. Genauso sind aber auch genetische Faktoren bei der Entwicklung einer degenerativen Skoliose von großer Bedeutung. Gerade die Vitalität der Bandscheibenzellen unterliegt vorwiegend der Genetik. Kommt es zu einem frühzeitigen Verlust der Fähigkeit der Bandscheibenzellen, die gallertartige Masse des Bandscheibenkerns herzustellen, lockert sich das Gefüge, vor allem in der Lendenwirbelsäule.

Die daraus resultierende Verkrümmung der Wirbelsäule zeichnet sich dann sowohl durch einen Verlust an Körpergröße als auch eine zunehmend gebückte Haltung und seitliche Verlagerung des Oberkörpers aus. Diese Zwangsposition führt wiederum neben dem Verlust der aufrechten Haltung zu Überlastungsschäden durch die dauernde Anspannung der Lendenwirbelsäulenmuskulatur sowie in schweren Fällen durch die Berührung des Rippenbogens mit dem Beckenkamm. Für die Betroffenen geht die degenerative Skoliose einher mit enormen körperlichen, ebenso jedoch auch psychischen Belastungen. Wem die Fähigkeit genommen wird, aufrecht durchs Leben zu gehen, sieht sich selbst mehr und mehr vom „normalen“ Leben ausgegrenzt.

Anfangs kann hier mit Physiotherapie eingegriffen werden, später kommen oft spezielle Korsette zum Einsatz. Und auch die Schmerztherapie spielt eine große Rolle. Letztlich können all diese Maßnahmen die weitere Rückbildung der Bandscheiben jedoch nur verzögern. Wirklich behoben werden kann die Deformierung am Ende nur mit einem chirurgischen Eingriff.  Traditionell wird bei der Aufrichtung der degenerativen Skoliose eine operative Technik vom Rücken aus angewandt, welche das Einbringen von Schraubenstangensystemen sowie in manchen Fällen die Korrektur der Skoliose durch Entfernen eines Knochenkeils beinhaltet. Diese sogenannten dorsalen Verfahren sind sehr effektiv – eine Begradigung der Wirbelsäule ist durchaus gegeben – jedoch bergen sie eine relativ hohe Komplikationsrate von über 60%. Denn durch die Freilegung der Lendenwirbelsäule sowie die Entfernung eines Knochenkeils können neurale Strukturen, also Rückenmark und Nervenwurzeln, schnell in Mitleidenschaft gezogen werden. Die meisten dieser Komplikationen sind nicht gravierend, beeinträchtigen aber dennoch den Patienten im postoperativen Heilungsprozess.

Operationen durch den Bauchraum können Abhilfe schaffen

Eine hervorragende Alternative bieten – so ungewöhnlich es zunächst klingen mag – Operationen an der Wirbelsäule durch den vorderen Zugang, also über den Bauchraum. Diese sogenannten ventralen Techniken sind mittlerweile gut etabliert und werden von Experten routinemäßig durchgeführt. Dabei handelt es sich vorwiegend um Eingriffe an den unteren beiden Bandscheiben ohne Korrektur von sehr ausgeprägten Deformitäten. Die Schwierigkeit der Korrektur höhergelegener Bandscheibensegmente bis zur Brustwirbelsäule beruht dabei in erster Linie auf der Lage wichtiger Organe inkl. der Niere, der Milz und der Bauchspeicheldrüse, die nicht beschädigt werden sollen. Da die traditionellen vorderen Zugänge für diesen Bereich zwischen Brust- und Lendenwirbelsäule sehr invasiv sind, werden sie nur in Einzelfällen durchgeführt.

In Zusammenarbeit mit der Gefäßchirurgie und Viszeralchirurgie konnte über die letzten Jahre am Universitätsklinikum Nottingham in England eine neue, schonendere Variante des Zugangs zur oberen Wirbelsäule etabliert werden. Prinzipiell handelt es sich hierbei um Zugänge, welche in der Gefäßchirurgie bereits gut etabliert sind, z. B. bei der Therapie von Aortenaneurysmen. Und tatsächlich liegt die Besonderheit vor allem in der multidisziplinären Zusammenarbeit zwischen Wirbelsäulen- und Oberbauch- und Gefäßchirurgen. Gemeinsam gewährleisten sie einen Zugang zur Wirbelsäule, der eine zusätzliche Mobilisation der großen Gefäße ermöglicht. Die Wirbelsäule kann dann von den unteren Brustwirbeln bis zum Becken über einen einzigen Mittellinienschnitt freigelegt werden. Was aufwändig klingt, birgt für den Patienten zahlreiche Vorteile: Zum einen kann der Eingriff in Rückenlage durchgeführt werden – dies erleichtert sowohl die Positionierung im Operationssaal als auch die wichtige Arbeit des Anästhesieteams. Ferner wird die Gefahr von Druckstellen während der OP deutlich gemindert. Die Operateure profitieren wiederum von einer großflächigeren Freilegung der Bandscheiben, so dass eine gezielte Aufrichtung aller Wirbelkörperetagen erreicht werden kann. Da der Zugang durch die natürlichen Gewebslücken erfolgt, wird die Muskulatur der Wirbelsäule weit weniger beeinträchtigt als bei einem reinen dorsalen Verfahren von hinten, ebenso ist der ventrale Zugang um ein Vielfaches blutverlustärmer.

Für Patienten, die unter der degenerativen Skoliose leiden, bedeutet diese Modifizierung des Zugangs durch den Bauchraum einen echten Meilenstein. Die Entwicklung erfolgte im Anatomielabor sowohl an der Universität Nottingham als auch an der Universität München, publiziert wurde sie von Mitarbeitern rund um Wirbelsäulenchirurg Professor Dr. Bronek Maximilian Boszczyk. Zunehmend mehr Patienten wurden im Laufe der vergangenen drei Jahre mit dieser OP-Technik versorgt, eine erfreulich niedrige Komplikationsrate spricht für sich, ebenso die verkürzte Dauer des Eingriffs: Durch die enge Zusammenarbeit mit oberbauchchirurgischen Kollegen gelingt die Freilegung der Wirbelsäule von vorne meist in unter einer Stunde. Im Rahmen einer zweiten Operation wird über einen – wo möglich minimal-invasiven – dorsalen Zugang ein Schraubenstangensystem von der Lendenwirbelsäule bis ins Becken eingebracht, ein zusätzliches dynamisches Bandscheiben-Implantat erleichtert den Übergang von der Versteifung in die Brustwirbelsäule. In der Nachuntersuchung beeindruckt vor allem die Wiederherstellung der Körpergröße, die vergleichsweise große Mobilität und eine sichtliche Verbesserung der Taillenform – und nicht zuletzt ein gänzlich neues Körpergefühl und gesteigertes Selbstbewusstsein der Patienten.

Röntgenübersichtsaufnahme einer 73-jährigen Patientin vor und nach OP.

Mehr Informationen unter Benedictus Krankenhaus Tutzing – Wirbelsäulenzentrum

Fotos: Benedictus Krankenhaus Tutzing

Tags: , , ,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Top

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen